Die Landschaft der Angst: Wie die Angst vor Raubtieren Ökosysteme verändert

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Die Landschaft der Angst: Wie die Angst vor Raubtieren Ökosysteme verändert

Die Wiederansiedlung von Wölfen im Yellowstone-Nationalpark im Jahr 1995 löste Kaskadeneffekte aus, die weit über die bloße Räuber-Beute-Dynamik hinausgehen. Die Elchpopulationen gingen stark zurück, aber der Hauptgrund dafür war nicht nur, dass sie gefressen wurden, sondern auch die Angst davor, gefressen zu werden. Diese Erkenntnis löste das Konzept einer „Landschaft der Angst“ aus, in der die bloße Anwesenheit (oder wahrgenommene Anwesenheit) von Raubtieren das Beuteverhalten und in der Folge ganze Ökosysteme verändert.

Vom Labor ins Feld: Die Macht der Angst bestätigen

Frühe Studien deuteten auf dieses Phänomen hin. Laborexperimente zeigten, dass Angst allein das Überleben der Beute beeinflussen kann. Das vorherrschende ökologische Denken priorisierte jedoch die direkte Raubtierhaltung als dominierende Kraft bei der Bevölkerungskontrolle. Der Biologe John Laundré, der 2001 erstmals den Begriff „Landschaft der Angst“ prägte, stellte diese Ansicht mit Beobachtungen in Frage, die darauf hinwiesen, dass Angst eine größere Rolle spielte als bisher angenommen.

Neuere Forschungen haben dies nun endgültig bewiesen. Liana Zanette und ihr Team an der Western University in Ontario, Kanada, führten Feldexperimente mit wilden Singsperlingen durch. Das Abspielen von Aufnahmen von Raubtiergeräuschen verringerte den Bruterfolg drastisch; Es wurden weniger Eier gelegt, geschlüpft oder überlebt – fast die Hälfte der Gesamtpopulation im Vergleich zu Kontrollgruppen, die nicht bedrohlichen Geräuschen ausgesetzt waren.

Die Verhaltenskosten ständiger Wachsamkeit

Der Mechanismus ist einfach: Angst zwingt die Beute in einen Zustand übermäßiger Wachsamkeit. Tiere verbringen mehr Zeit damit, nach Bedrohungen zu suchen, und weniger Zeit mit der Nahrungssuche. Zanette erklärt, dass Beute sogar erstklassige Futterplätze meidet, „obwohl es dort möglicherweise das beste Futter in der Stadt gibt“. Diese Vermeidung ist nicht irrational; Die energetischen Kosten ständiger Wachsamkeit und Flucht überwiegen die Vorteile einer riskanten Mahlzeit.

Auswirkungen auf Ökosystemebene: Waschbären, Küsten und menschliche Eingriffe

Die Folgen breiten sich im Nahrungsnetz aus. An der Küste von British Columbia, wo große Raubtiere wie Bären, Pumas und Wölfe ausgerottet wurden, gedeihen Waschbären … zum Nachteil der Küstenökosysteme. Zanettes Team zeigte, dass das Abspielen von Aufnahmen des Bellens von Haushunden Waschbären von krabbenreichen Küsten fernhielt und es den Beutearten ermöglichte, sich zu erholen. Interessanterweise hatte das Bellen von Seehunden keinen solchen Effekt, was deutlich macht, dass es darauf ankommt, welches Raubtier es ist.

„Die Angst vor Löwen sollte dort am größten sein“, sagt Zanette, „aber wir fanden heraus, dass Menschen doppelt so viel Furcht einflößende Wirkung hatten.“

Dies unterstreicht einen kritischen Punkt: Menschen sind selbst zu Spitzenprädatoren geworden. Im Krüger-Nationalpark in Südafrika zeigten Kamerafallen, dass Wildtiere auf die Anwesenheit von Menschen mit größerer Angst reagierten als auf Löwen, was darauf hindeutet, dass selbst wahrgenommene menschliche Aktivitäten das Verhalten der Tiere und die Dynamik des Ökosystems verändern können.

Fazit: Die Landschaft der Angst ist kein Nischenkonzept mehr, sondern ein grundlegendes Prinzip für das Verständnis ökologischer Wechselwirkungen. Das Erkennen der Macht der Raubtierangst ist für einen wirksamen Schutz der Tierwelt und für die Abmilderung der unbeabsichtigten Folgen menschlicher Eingriffe in natürliche Systeme von entscheidender Bedeutung.