Auf einer kanadischen Insel starben Welpen. Geheimnisvolle Todesfälle. Korkenzieherwunden. Wissenschaftler dachten jahrelang, Haie seien der Übeltäter.
Sie lagen falsch.
Die Mörder sind männliche Kegelrobben.
Und sie essen ihr eigenes.
Das Geheimnis der Spiralwunde
Über drei Jahrzehnte lang plagten diese Verletzungen die Kolonien auf Sable Island. Die Marken waren unverwechselbar. Spiralförmig. Tief. Als wäre ein Bohrer durch sie hindurchgegangen.
1992 dokumentierten Forscher diese Art von Kannibalismus erstmals in Nova Scotia. Schottland folgte 2016 diesem Beispiel und zeigte durch direkte Beobachtung, dass Männchen Jungtiere fraßen. Aber Sable Island schwieg hartnäckig. Niemand hat gesehen, wie es dort passiert ist. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die spezifischen Spiralwunden mit lokaler Robbenjagd in Zusammenhang stehen.
Bisher.
Augenzeugenbericht
Der Durchbruch gelang im Jahr 2024. Ein erwachsener Mann griff einen Welpen auf Sable Island an und jemand sah ihn.
Das Forschungsteam verließ sich jedoch nicht nur auf diese Sichtung. Sie machten sich auf die Suche nach Antworten. Sie untersuchten die Haut und den Speck toter Welpen. Die Bissspuren passten zu Kegelrobbenzähnen. Auch die Kratzspuren passen.
Die Ergebnisse erschienen Anfang Februar in der Fachzeitschrift Marine Mammal Science. Das Team überprüfte außerdem Drohnenaufnahmen aus dem Jahr 2023 erneut. Das Ergebnis war schlüssig. Zwischen 2023 und 2025 ernährten sich erwachsene männliche Kegelrobben aktiv von Jungtieren.
Die Zahlen waren atemberaubend. Allein im Jahr 2024 hatten 765 Welpen diese spiralförmigen Narben. An einem einzigen Tag im Jahr 2025 fanden Wissenschaftler 359 tote Welpen.
Eine Spitze? Vielleicht nicht unbedingt. Es ist wahrscheinlicher, dass sie gerade angefangen haben, richtig auszusehen. Wenn Sie wissen, wonach Sie suchen, steigt die Körperzahl.
Wem haben wir also die Schuld gegeben?
„Wir waren auf jeden Fall erleichtert, eine Antwort zu haben“, sagt Damian Lidgard.
Er ist Biologe bei Fisheries and Oceans Canada und Teil des Studienteams. Jahrelang ging man standardmäßig davon aus, dass Haie Raubtiere seien. Haie machen manchmal schöne, saubere Schnitte, aber auf Sable Island wurden nie Haie dabei beobachtet.
Angesichts des Musters anderswo in Europa war die Änderung der Hypothese keine Überraschung. Es wird nur noch eine Weile dauern.
Spielt das eine Rolle?
Sollten wir in Panik geraten?
Wahrscheinlich nicht.
Lidgard weist darauf hin, dass die Insel jedes Jahr etwa 75.000 Jungtiere zur Welt bringt. Der Tribut des Kannibalismus? Unter 1.000 Todesfälle.
Die Rechnung deutet nicht auf einen Zusammenbruch hin. Es ist eine Delle. Kein Todesstoß.
Es klingelt kein Alarm.
Aber es gibt eine Sorge.
Es sind nicht die Kegelrobben selbst, die die Hauptsorge darstellen. Es geht darum, wen sie sonst noch ins Visier nehmen könnten.
Männliche Kegelrobben töten in Europa junge Seehunde. Auf Sable Island leben auch Seehunde. Ihre Zahl ist gering. Sie sind seit Jahrzehnten rückläufig. Wenn die einheimischen Männchen anfangen, ihre Aufmerksamkeit dorthin zu richten, könnte das katastrophal sein.
„Die Produktion von Seehundwelpen ist sehr gering“, sagt Lidgard. „Potenziell besorgniserregend.“
Ursula Siebert, Forscherin an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, stimmt dem zu. Sie stellt fest, dass Kegelrobben im Allgemeinen opportunistische Jäger von Meeressäugern sind. Wenn sie ein leichtes Ziel sehen, nehmen sie es.
Die Warum-Frage bleibt leer
Warum tun sie das?
Wir wissen es nicht.
Es ist frustrierend unklar. Es könnte einfach sein, dass natürliches männliches Verhalten endlich dokumentiert wird. Es könnte gelernt werden.
Aber das scheint unwahrscheinlich.
Die Populationen auf Sable Island und im Vereinigten Königreich sind genetisch und verhaltensmäßig isoliert. Es kommt selten vor, dass zwei verschiedene Gruppen zufällig zur gleichen Zeit dieselbe spezifische gewalttätige Angewohnheit erfinden.
Hypothesen gibt es zuhauf. Die Datenlage ist spärlich.
Vielleicht haben sie Hunger. Vielleicht ist es Stress. Vielleicht ist es genau das, was große, aggressive männliche Robben tun, wenn sie sich langweilen.
Oder vielleicht haben wir immer noch nicht genug gesehen.
Die Wunden bleiben. Die Robben fressen weiter. Und zurück bleibt ein Bild, das nur zur Hälfte gezeichnet ist.























